Bagbuilding mit Orléans

Was Stoffbeutel und das mittelalterliche Frankreich gemeinsam haben, erfährt man in Orléans. Nicht etwa in der Stadt, sondern im gleichnamigen Brettspiel.

Sammeln von Gefolgsleuten

Etwas über vier Jahre dauerte es, bis Orléans in der heimischen Spielesammlung ankam. Schuld dran waren nicht etwa extrem lange Lieferzeiten, sondern Ignoranz. Immer wieder machte ich einen Bogen um das Spiel — man könnte es eine Geschichte voller Missverständnisse nennen. Einer der Gründe für die lange Abstinenz liegt in den unterschiedlichen Ausgaben, die zu Verwirrung führten. Das Spiel gibt es sowohl wohl von dlp games als auch von TMG. Über ein Kickstarter-Kampagne brachte TMG eine Deleux-Version von Orléans mit besserem Spielmaterial heraus. Ein Punkt, den ich später noch mal aufgreifen werde.
Interessant ist erstmal, worum es in Orléans geht. Mit einer kleinen Schar eigener Gefolgsleute versucht jeder Spieler, die Vorherrschaft zu erringen. Man sammelt Waren auf den Weg in andere Städte ein, errichtet Kontore, treibt seinen Entwicklungsstand voran. Vor allem aber versucht man die Anzahl der eigenen Gefolgsleute zu vergrößern. Auch deshalb, weil einem anfangs wichtige Personen wie Ritter, Gelehrte oder Mönche fehlen.

Orléans
In der Mitte von Orléans

Einach genial

Die eigenen Gefolgsleute wandern bei Orléans in einen Stoffbeutel, aus dem man in jeder der 18 Spielrunden eine gewisse Anzahl ziehen darf. Sind es am Anfang lediglich vier, können es später bis zu acht sein, die man aus dem Beutel holt. Je mehr Gefolgsleute dabei im Beutel sind, desto schwieriger wird es, immer genau die richtigen zu haben. Denn nur über die passende Kombination unterschiedlicher Berufe lassen sich auf dem eigenen Spieltableau die verschiedenen Aktionen ausführen. Während man am Anfang versucht, eine größere Auswahl eigener Gefolgsleute zur Verfügung zu haben, wird man im weiteren Verlauf wieder welche loswerden wollen. Dazu gibt es im Spiel die so genannten „segensreicher Werke“, an denen sich eigene Figuren beteiligen können. Sie bringen dann etwas Geld und wenn man das Werk vollendet, einen großen Bonus fürs Spielende.
Obwohl alle Spieler die gleichen Startbedinungen haben, wird jeder nach kurzer Zeit eine eigene Strategie entwickeln. Und die ist auch von Spiel zu Spiel immer wieder anders. Der Reiz, einen neuen Weg einzuschlagen ist ebenso hoch wie der Wiederspielwert. Dadurch, dass aller Spieler gleichzeitig ihre Planungsphase haben und erst danach die Aktionen der Reihe nach abgewickelt werden, ist die Wartezeit sehr gering. Die Spiellänge von 18 Runde ist ideal — man hat nicht das Gefühl, mitten im Spiel herausgeworfen zu werden, sondern kann in Ruhe seinen Weg zur Vorherrschaft einschlagen.

Orléans upgraden

Orléans gehört zu den Spielen, die leicht zu erklären aber anspruchsvoll zu meistern sind. Die Spielregeln sind so gut aufgebaut, dass sie niemand vorab gelesen haben muss. Man geht gemeinsam das Heft durch, hat damit den Spielaufbau nachvollzogen so wie die Phasen erklärt. Dank nachvollziehbare Ikonografie sind die Auswirkungen der einzelnen Aktionen selbsterklärend.
Der einzige echte Wermutstropfen bei Orléans sind die Gefolgsleute. Sie bestehen aus einfachen Pappchips, die durch intensive Nutzung schnell unansehnlich werden können. Schließlich zieht man sie immer wieder aus dem Beutel — mischen und grapschen. Zum Glück gibt es jenseits der erwähnten Deluxe-Version (die nur noch schwer zu bekommen ist) alternative Formen der Abhilfe für die Gefolgsleute. Man kann sich das Fan-Kit bestellen und erhält dann Gefolgsleute aus Holz, die allerdings dann noch beklebt werden müssen. Leider notwendig, da die ersten eigenen Gefolgsleute weder von der Pest betroffen sind noch in die segensreichen Werke entsandt werden können. Eine andere Möglichkeit sind Münzkapseln mit einem Durchmesser von 22mm. Die bekommt im 100er-Pack für etwa neun Euro.

Fazit

Meine Frau und ich waren sehr begeistert von Orléans. Das tat besonders gut nach dem Spielkater, den Clans of Caledonia hinterlassen hat. Wir waren so angetan vom Bagbuilding, dass wir uns direkt die Erweiterung zu Orléans bestellt haben. Und natürlich noch Ressourcen aus Holz, für das schönere Spielgefühl.
Clans of Caledonia wird nach dem trotzdem im Spielregal bleiben. Auch deshalb, weil die Metallmünzen perfekt für Orléans geeignet sind.

Zuletzt gespielt

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Über die Insights-Funktion der App entsteht regelmäßig eine Liste mit den Spielen, die ich am häufigsten gespielt habe im laufenden Jahr.

Tiny Towns

Auf einem 4×4 großen Raster bauen die Spielerinnen und Spieler jeder für sich ihre kleine Stadt auf. Das passiert gleichzeitig, ohne Downtime und sorgt in der Variante „Prospektoren“ für taktische Rohstoffauswahl. Ein schönes und schnelles Spiel mit tollem Material.

Kitchen Rush

Bei Kitchen Rush handelt es sich um ein kooperatives Echtzeitspiel mit Sanduhren als Arbeiter zum einsetzen. Hektik und Streß in einem Restaurant werden dabei gut simuliert. Die Neuauflage von Pegasus sieht extrem gelungen aus.

Azul

Azul

Azul ist ein abstraktes Legespiele mit leicht zugänglichen Regeln und beindruckendem Spielmaterial. Nur am Anfang scheint die Interaktion nicht vorhanden zu sein, denn man kann seinen Mitspielern gehörig die Suppe versalzen.

Viticulture

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Ansprechend gestaltetes Workplacementspiel rund um das Thema Weinanbau mit einer pfiffigen Solovariante. Benötig nach mehrfachen Spielen unbedingt die Erweiterungen.

Zuletzt wurde am 07.06. 2020 gespielt.